Steinschönau

Meistersdorf

Ober-Preschkau

Steinschönau

Nieder-Preschkau

Parchen

Ullrichsthal

 

Meistersdorf

Die Gemeinde Meistersdorf im Gerichtsbezirk Böhmisch Kamnitz bestand ausschließlich aus der Ortschaft Meistersdorf. Die Gesamtfläche der Gemeinde betrug bis 1945 172 ha. Das Hochtal des Absbaches, in dem Meistersdorf und das benachbarte Ullrichsthal liegen, wird von mehreren Bergen eingegrenzt. Die Gemeindefläche war größtenteils unbewaldet und wurde trotz der Hochlage in 380 m bis 500 m Meereshöhe landwirtschaftlich genutzt. Auch Obstbau wurde betrieben. Der Anteil der Bevölkerung, welcher von Land- und Forstwirtschaft lebte, war mit knapp 6 % sehr gering, denn Meistersdorf, das ursprünglich ein reines Bauerndorf war, bekam schon seit dem 18. Jahrhundert einen gewerblichen Charakter. Der Anteil der zu Industrie und Handwerk gehörenden Bevölkerung war dafür mit fast 65 % sehr hoch. Der Großteil der Arbeiter fand in der am Ort ansässigen glasveredelnden Industrie oder in der Glasindustrie von Parchen, Ullrichsthal und Steinschönau Beschäftigung. Dem Wirtschaftsbereich Handel und Verkehr gehörten bis 1945 rund 12 % der Einwohner von Meistersdorf an.

Meistersdorf ist seit seiner Gründung stets nach dem benachbarten Wolfersdorf im Kreis Böhmisch Leipa eingepfarrt gewesen. Die Pfarrei St. Peter und Paul in Nieder-Wolfersdorf wurde bereits 1352 genannt. Die Matriken für Meistersdorf beginnen wie sämtliche Kirchenbücher von Wolfersdorf mit dem Jahre 1747. Seit 1844 besaß Meistersdorf eine Filialkirche Hl. Kreuz. Ursprünglich bestand im Ort ein Erbgericht. Im Kamnitzer Stadtbuch ist für 1412 ein Richter Jocoff Scherzfelt erwähnt. Später bestand ein Ortsgericht. 1849 wurden die Ortschaften Meistersdorf und Ullrichsthal zur politischen Gemeinde Meistersdorf zusammengeschlossenm, aber schon zwischen 1870 und 1880 erfolgte die Lostrennung und Verselbständigung von Ullrichsthal als eigenständige Gemeinde. In den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs erfolgte neuerlich eine Zusammenlegung der beiden Orte zu wiederum nur einer politischen Gemeinde.

Meistersdorf ist vermutlich ein deutsches Rodungsdorf mit einer zweireihigen Waldhufenanlage, das im 14. Jahrhundert entstand. Da zu dieser (späten) Zeit besser geeignete Standorte für neue Siedlungen nicht mehr vorhanden waren, erfolgten Gründungen auf kargen Böden und in rauherer Gebirgslage. Der Ortsname dürfte von dem Personennamen Meister übernommen worden sein. Die früheste bekannte urkundliche Nennung des Ortes bietet das Kamnitzer Stadtbuch, in dem 1412 der Richter von „Meystersdorff” erwähnt wird. Die ältesten Familiennamen sind für 1412 Scherzfelt, Hoffmann und Melan. Einen vollständigen Überblick über den Namensbestand gibt das 1560 beginnende Schöffenbuch, in dem die Namen Hackel, Fritsch, Gürtler, Hauptmann, Hegenbarth, Hocke, Jäckel, Knechtel, Kreibich, Märtin, Möller, Orges, Wolf, Zinke, Dömel, Hauptmannel, Hickisch, Mitscherling, Schäfer und Tölle (Tille ?) vorkommen. 1550 gab es 30 Häuser im Ort, in denen 15 Bauern und 15 Gärtner lebten. Gemäß der Steuerrolle von 1654 hatte Meistersdorf 39 Häuser. Die Namen der Bauern lauteten Fritsche, Gürtler, Hegenbarth, Märtin, Pumpe (Pompe) und Weigl. 1713 standen 94 Häuser im Ort und auch 1787 gab es 94 Häuser. Für das Jahr 1820 ist eine Glashütte bezeugt. 1833 wurden 117 Häuser und 854 Einwohner gezählt. Zu dieser Zeit waren auch viele Glasarbeiter und Glashändler ansässig. 1841 bestanden in Meistersdorf 13 Glasraffinerien. 1848 lebten schon 1.125 Menschen in Meistersdorf, 1869 waren es bereits 1.281 Einwohner und 1890 erreichte der Ort mit 1.387 durchwegs deutschen Bewohnern seinen Höchststand. Nach 1918 kam es zu einer Zuwanderung einer tschechischen Minderheit, die 1930 etwa 7 % der Einwohnerschaft betrug. Die häufigsten Familiennamen waren 1934 Heller, Hegenbarth, Schlegel, Fritsch, Gürtler, Hocke, Fiedler, Hackel, Mahnel, Werner, Erbe, Hauptmann, Märtin, Palme, Zekert, Griesbach, Marschner, Pazelt, Rölich, Wendler, Arlt, Grohmann, Kindermann, Kunte, Langer, Pietsch, Renelt, Sloupy und Suske.

Schlösschen und Meierhof Meistersdorf
Etwa 1598 entstand unter Siegmund von Weißenbach ein kleines Schloss im Ort, das 1833 durch einen Sturm schwer beschädigt wurde und 1907 abbrannte. Vermutlich zeitgleich mit dem Schlössel wurde ein Meierhof durch Aufkauf von mehreren Bauerngütern errichtet. Der erste Aufkauf war das Gut des Erbrichters Simon Knechtel im Jahre 1585. Im Jahre 1600 bzw. 1602 gelangten die Güter Kreibich, Fritsche, Gürtler und Martin, 1611 das Gut Jäckel und um 1632 die Güter Dömel, Hauptmann und Anton Knechtel an die Herrschaft, die dort auch ein kleines Brauhaus betrieb. 1764 wurde Meistersdorf in die Herrschaft Böhmisch Kamnitz eingegliedert und der Meierhof und das Brauhaus aufgegeben. Das Schlössel und die Gebäude des Meierhofes wurden verkauft und die Meierhoffelder größtenteils verpachtet und zur Ansiedlung von Häuslern freigegeben, wodurch ab 1764 die Ortschaft Ullrichsthal entstand.

Heute bilden die tschechischen Ortschaften Mistrovice (= Meistersdorf) und Nový Oldřichov (= Ullrichsthal) die politische Gemeinde Nový Oldřichov. Die Ortschaft Mistrovice hatte 1961 463 Einwohner. Heute gehören Mistrovice und Nový Oldřichov zum okres Česka Lipa (= Kreis Böhmisch Leipa).

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Nieder-Preschkau

Die Gemeinde Nieder-Preschkau im Gerichtsbezirk Böhmisch Kamnitz bestand aus der Ortschaft Nieder-Preschkau mit den Einschichten „Herdsteinbaude”, Kinsky'sches Hegerhaus und Waldschänke, „Wüstes Schloss”, Hegerhaus bei Hillemühl sowie der Ortschaft Füllerdörfel. Die Gesamtfläche der Gemeinde betrug 562 ha. Das Gemeindegebiet ist ein Bergland, in dem sich die Ausläufer des Elbsandsteingebirges und des Böhmischen Mittelgebirges berühren. Die von Ost nach West verlaufende Preschkauer Talmulde liegt im Süden und teilt die Gemeinde in die südliche „Winterseite” und nördliche „Sommerseite”. Die Gemeindefläche war bis 1945 zu 74 % bewaldet und 23 % wurden landwirtschaftlich genutzt. Nieder-Preschkau hatte immer nur Kleinbauern (= Gärtner). Schon im 17. Jahrhundert hielten glasverarbeitende Handwerke Einzug in das Preschkauer Tal; ein Aufschwung der Glasindustrie begann im 19. Jahrhundert. 1939 lebten weniger als 6 % der Erwerbsbevölkerung von der Land- und Forstwirtschaft, aber 75 % von Industrie und Handwerk sowie 7 % von Handel und Verkehr.

Nieder-Preschkau war stets der Kirche St. Peter und Paul in Ober-Preschkau zugehörig. Mit dieser Kirche gehörte es ursprünglich zur Pfarrei von Steinschönau. Von 1565 bis 1630 war der Teilsprengel Preschkau lutherisch und nach dieser Zeit stärker an die Pfarrei Böhmisch Kamnitz gebunden. Erst 1852 wurde Ober-Preschkau eine selbständige Pfarrei. Die Matriken für Ober- und Nieder-Preschkau sind seit 1671 erhalten, außerdem sind 147 Begräbniseintragungen auf losen Blättern zu finden. Bis 1630 zurück können Eintragungen auch in den Böhmisch Kamnitzer Matriken vermerkt sein.

Bis 1849 bestand in Nieder-Preschkau ein Dorfgericht. Von 1832 bis 1849 gehörte die neue Ortschaft Füllerdörfel zu Nieder-Preschkau. Von 1849 an waren Nieder- und Ober-Preschkau zu einer einzigen Gemeinde Ober-Preschkau vereint. 1887 erfolgte die Verselbständigung von Nieder-Preschkau, jedoch kam es erst um die Wende zum 20. Jahrhundert zur Eingemeindung von Füllerdörfel (dieses hatte von 1849 bis dahin zur Gemeinde Ober-Kamnitz gehört).

Nieder-Preschkau
Den ersten sicheren Hinweis auf die Existenz des Ortes bietet eine Eintragung im Kamnitzer Stadtbuch, in welchem es 1382 heißt „in der nidirsten Preisschavv”. Der älteste Familienname lautet Peter Mylein „von der nedrer Preyske” von 1457. Für den Ortsnamen gibt es nur eine einzige einleuchtende Erklärung, nämlich die Ableitung von einem altslawischen Worte „prysk” oder „prejsk”, was dem deutschen Wort „Quelle” entspricht. Preschkau bedeutet demnach soviel wie „Quellenau”. Die Steuerrolle von 1654 verzeichnete in „Presska Dolnj” 27 Häuser – ausschließlich Gärtner und Häusler. Die Familiennamen waren Koch, Weidlich, Engel, Krahl, Küttl, Thomaß, Wentzl und Zincke. 1713 standen 33 Häuser und 1787 wurden 39 Hausnummern registriert. 1833 waren schon 50 Häuser im Ort, in denen 322 Einwohner lebten.

Füllerdörfel
Im Jahre 1832 war auf den Gründen des ehemaligen Oberkamnitzer Füllergutes die Anlage des neuen Ortes „Füllerdörfel” begonnen worden. 1869 hatte das Dorf 139 Einwohner in 17 Häusern, 1890 147 Einwohner und 1910 214 Bewohner in 23 Häusern.

Die gesamte Gemeinde Nieder-Preschkau hatte bei den Volkszählungen von 1869, 1890 und 1910 655 bzw. 769 bzw. 1.000 Einwohner; diese Entwicklung war vor allem auf die aufblühende Glasindustrie zurückzuführen. Die häufigsten Familiennamen waren 1934 in Nieder-Preschkau Kny, Görner, Hache, Schiffner, Seidl, Duschek, Riese, Vetter, Wenzel, Christof, Führich, Hegenbarth, Hermann, Hoffmann, Hospodar, Ickert, Jelinek, Kaiser und Kittel. In Füllerdörfel waren dies David, Weber, Schubert, Wenzel und Michel.

Ruine Fredewald (Friedewald)
Die einstige Schutz- und Geleitburg auf einem Felsen über dem Kamnitzbach soll nach einer Sage ursprünglich „Kukla” geheißen haben und wurde 1406 als „Fridewalt” genannt. 1444 und 1457 wurde sie vom Lausitzer Sechsstädte-Bund zerstört. Heute ist außer einer halbkreisförmigen Wallmauer nichts mehr erhalten.

Die tschechische Gemeinde Prysk (= Preschkau) setzt sich aus den Ortschaften Horní Prysk (= Ober-Preschkau), Dolní Prysk (= Nieder-Preschkau) und Füllerdörfel zusammen. Die Ortschaft Nieder-Preschkau hatte 1961 285, die Ortschaft Füllerdörfel in diesem Jahr 153 Einwohner. Heute gehören die beiden Ortschaften bzw. die politische Gemeinde Prysk, die 2007 rund 400 Einwohner hat, zum okres Česká  Lípa (= Kreis Böhmisch Leipa).

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Ober-Preschkau

Ober-Preschkau
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Die Gemeinde Ober-Preschkau im Gerichtsbezirk Böhmisch Kamnitz bestand aus der Ortschaft Ober-Preschkau und dem einschichtigen Hegerhaus an der Gemarkung zu Hillemühl. Die Gesamtfläche der Gemeinde betrug 803 ha. Das Gemeindegebiet nahm eine von Osten nach Westen geneigte Mulde ein, in deren eigentlichem Taleinschnitt sich die Ortschaft befindet. Im Nordteil der Gemeinde herrscht Sandstein und im Südteil Basalttuff vor. Eine romantische Schlucht im Norden der Gemeinde wurde als „Teufelslöcher” bezeichnet. Die Gemeindefläche wurde zu 60 % forstwirtschaftlich und zu 40 % landwirtschaftlich genutzt. Auch vor der Industrialisierung war Ober-Preschkau kein typisches Bauerndorf, denn es wies beinahe ausschließlich kleinbäuerliche Betriebe auf, neben denen bald andere Berufe aufkamen. Schon im 17. Jahrhundert hielt die Glasveredelung und im 19. Jahrhundert die Glasindustrie ihren Einzug. 1939 fanden rund 11 % der Einwohner ihre Erwerbsquelle in der Land- und Forstwirtschaft, fast 64 % in Industrie und Handwerk sowie 11 % im Bereich Handel und Verkehr.

Die Pfarrei St. Peter und Paul ist aus einer alten Filialkirche hervorgegangen, die im 16. Jahrhundert zur Pfarrei Steinschönau gehörte. Sie ist schon 1411 im Kamnitzer Stadtbuch benannt, als von einem Streit bei der „Prysker kirmessen” berichtet wird und für 1564 bezeugt. In der lutherischen Zeit wurde die Kirche stärker an Böhmisch Kamnitz gebunden und war 1654 eine Filialkirche der Stadtpfarrei St. Jakob in Böhmisch Kamnitz. Die Kirche wurde 1718 bis 1721 in barocker Form umgestaltet. 1787 wird von einem Lokalkaplan und 1833 von einem Expositen der Pfarrei von Böhmisch Kamnitz in Ober-Preschkau berichtet. Nach dem Dreißigjährigen Krieg waren auch Hillemühl und Falkenau bis 1784 zur Kirche in Ober-Preschkau zugehörig. Erst 1852 wurde in Ober-Preschkau eine selbständige Pfarrei errichtet, zu deren Sprengel Nieder-Preschkau samt Füllerdörfel gehörte. 2006 wurde die historische Glocke von 1651 aus der aufgehobenen Kirche von Letau bei Podersam in den Glockenturm gehoben und durch den Generalvikar des Bistums Leitmeritz feierlich geweiht.

Vor 1850 bestand ein Dorfgericht. Von 1850 bis 1887 war der Nachbarort Nieder-Preschkau zur politischen Gemeinde Ober-Preschkau eingemeindet.

Die Ortsgründung ist vermutlich zu einem späten Zeitpunkt im 14. Jahrhundert erfolgt. Es gibt aber auch die Ansicht, dass Ober-Preschkau schon im 11. Jahrhundert durch eine Gruppe von geflohenen Wenden (= Sorben) aus der Oberlausitz gegründet wurde. Dann wäre der spätere Ausbau im 14. Jahrhundert durch deutsche Siedler erfolgt. Die ältesten Nennungen sind im Kamnitzer Stadtbuch zu finden, jedoch ist Ober-Preschkau als solches nicht bezeichnet, sondern geht indirekt aus der Nennung „in der nidirsten Preisschav” hervor – demnach hätte auch ein „oberes Preschkau” bestehen müssen. Vermutlich war zu Beginn die verwaltungsmäßige Trennung zwischen Ober- und Nieder-Preschkau noch nicht vollzogen. Der Ortsname kommt allem Anschein nach aus der Ableitung des altslawischen „prysk” oder „prejsk” für Quelle. Die Steuerrolle von 1654 erfasste in „Presska Hornj” 56 Gärtner- und Häusleranwesen. Die Familiennamen der Gärtner waren Krahl, Wentzel, Vetter, Bischoff, Fiedler, Küttel, Lauermann, Thomas, Weidlich, Wetzig und Zincke. 1713 standen 73 Häuser. Viele Gewerbe dieser Zeit bezogen sich auf den Wirtschaftsbereich Glas (1684 hatte Graf Norbert Oktavian Kinsky die Glasmacherzunft in Steinschönau genehmigt, der auch Ober-Preschkau angeschlossen war). 1787 hatte Ober-Preschkau 96 Häuser. 1833 standen 119 Häuser, die 731 Einwohner beherbergten. Der Glashandel zu dieser Zeit wurde bis Polen, Rußland und die Niederlande betrieben.

Bei den Volkszählungen von 1869, 1880 und 1890 hatte Ober-Preschkau mit 1.031, 1.047 und 1.002 ausschließlich deutschen Einwohnern den höchsten Bevölkerungsstand erreicht – eine Folge der aufblühenden Glasindustrie. Die häufigsten Familiennamen waren 1934 Fiedler, Friedrich, Ludwig, Wenzel, Köhler, Kühnel, Lorenz, Fritsche, Tischler, Jaksch, Klinger, Kny, Langer, Müller, Nittel, Schönberger, Beitlich, Donath, Endler, Krahl, Krause und Stolle.

Die heutige tschechische Gemeinde Prysk (= Preschkau) besteht aus den drei Ortschaften Horní Prysk (= Ober-Preschkau), Dolní Prysk (= Nieder-Preschkau) und Füllerdörfel. 1961 lebten in Horní Prysk 236 Einwohner. Heute gehört die Gemeinde nicht mehr zum okres Děčín (=Kreis Tetschen), sondern zum okres Česká Lípa (= Kreis Böhmisch Leipa).

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Parchen

Parchen   Parchen: Kühlberg
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Die Gemeinde Parchen im Gerichtsbezirk Böhmisch Kamnitz bestand aus den Ortschaften Parchen und Schelten. Zu Parchen gehörten die Ortsteile Emanuelsberg, Pflaume und Freudental mit der Parchenmühle. Etwas abgesetzt lag das Bildsteinhaus, mitten in Parchen der Kühlberg mit der Kühlbergbaude. Das Gemeindegebiet von Parchen und Schelten ist eine Hochfläche mit durchschnittlich 560 m bis 580 m Meereshöhe. Sie wird von einigen Erhebungen überragt, deren bedeutendste der Bildstein (634 m), der Große Tscheschkenstein oder Steinberg (628 m) und der Kühlberg (595 m) sind. Von der Gemeindefläche einschließlich Emanuelsberg entfielen rund 33 % auf Wald (ohne Emanuelsberg aber nur 16 %), rund 60 % wurden landwirtschaftlich genutzt.

Parchen ist der Ursprungsort der nordböhmischen Lustererzeugung, deren Anfänge um 1700 liegen und die ab 1724 fabrikmäßig betrieben wurde. 1939 war Parchen eine ausgesprochene „Industriegemeinde”, denn 74 % der Bevölkerung hatte ihr Auskommen in Industrie und Handwerk. Der Bereich Landwirtschaft spielte mit 5 % Anteil nur eine geringe Rolle. Im Bereich Handel und Verkehr waren 10 % der Einwohner beschäftigt.

Die Ortschaften Parchen und Schelten gehörten von ihrer Gründung an zur Pfarrei Steinschönau. Im Jahre 1802 wurde in Parchen eine Lokalie errichtet, die 1806 zur selbständigen Pfarrei mit dem Sprengel Parchen, Schelten und Emanuelsberg erhoben wurde. Die Matriken sind seit 1784 erhalten. Ältere Eintragungen enthalten die seit 1715 vorhandenen Kirchenbücher von Steinschönau. Die zwei Ortschaften Parchen und Schelten hatten bis 1849 eigene Dorfrichter. 1849 wurden die beiden Orte zur politischen Gemeinde Schelten zusammen geschlossen. Nach etwa einem dreiviertel Jahrhundert setzte sich jedoch nach und nach die Bezeichnung „Parchen-Schelten” durch. Nach 1918 erfolgte die Einführung des Gemeindenamens Parchen. Ende der 1920er Jahre erfolgte die Eingemeindung der angrenzenden, bis dahin zur Gemeinde Sonneberg (Kreis Böhmisch Leipa) gehörigen kleinen Ortschaft Emanuelsberg.

Schelten
Die älteste eindeutige (es gibt eine ältere, nicht eindeutige) Nennung datiert von 1615. Man kann annehmen, dass der Ort in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstanden ist. Die beträchtliche Höhenlage und die wenig ertragreichen steinigen Böden waren die Gründe für diese späte Rodung. Das Dorf war als einseitiges Reihendorf mit langen, parallel laufenden Wirtschaftsstreifen angelegt worden. Vermutlich liegt dem Ortsnamen ein alter Geländename zugrunde im Sinne von „steiniger, unebener Boden”. In der Steuerrolle von 1654 sind sechs Gärtner und zwei Häusler für Schelten ausgewiesen. Die Namen der Gärtner lauteten Lorenz, Helzl, Horn und Thomas. Die beiden Häusler hießen Helzl. 1713 war die Zahl der Häuser auf 13 gestiegen. Die Wirte hießen Lorenz, Gleßner, Horn, Wenzel, Wetzig und Zincke. 1787 war Schelten auf 22 Hausnummern gewachsen und 1833 hatte der Ort 44 Häuser mit 222 Einwohnern. Bis zum Ersten Weltkrieg nahm die Einwohnerzahl durch den Aufschwung der Glasindustrie beträchtlich zu und bei den Volkszählungen von 1869 wurden 367, 1890 schließlich 402 und 1910 dann 525 Einwohner gezählt. 1910 waren auch 87 tschechische Ortsbewohner miterfasst, die hauptsächlich wegen der Arbeitsplätze in der Glasindustrie zugezogen waren.

Parchen
Parchen wurde 1630 auf herrschaftlichen Gründen angelegt. Der Ortsname, vermutlich ein Geländename, bedeutet soviel wie eingefriedeter Ort, Gehege oder Zwinger. Es handelt sich offenbar um die mitteldeutsch-schlesische Wortform „parch”, die zu hochdeutschem „Pferch” zu stellen ist. 1713 hatte Parchen 46 Häuser. Als Familiennamen sind Palme, Hannel, Stolle und Zahn überliefert. 1787 wurden 56 Häuser und 1833 schließlich 78 Häuser mit 486 Einwohnern festgehalten. Die erwerbstätigen Parchener beschäftigten sich fast ausschließlich mit Glasbearbeitung und Glashandel; die Glaswaren wurden vornehmlich nach Italien verkauft.1869 hatte Parchen 599 Bewohner, 1880 waren es 651, 1890 nur noch 558 und 1910 dann 531 fast ausschließlich deutsche Einwohner.

Ortschaft (später Ortsteil) Emanuelsberg
Der Ort wurde Mitte des 18. Jahrhunderts auf Veranlassung der Herrschaft Oberliebich gegründet. 1787 hatte Emanuelsberg nur vier Häuser und 1833 standen zwölf Häuser, in denen 61 Einwohner lebten. Bis 1910 war eine Vergrößerung auf 16 Häuser mit 103 Einwohnern eingetreten. Wegen der Zugehörigkeit zu Oberliebich war Emanuelsberg zum Kreis Böhmisch Leipa (zur Gemeinde Sonneberg) zugeteilt worden. Wegen der viel näheren Lage zu Parchen erfolgte jedoch nach dem Ersten Weltkrieg die Umgliederung der etwa 40 Häuser mit 200 Einwohnern umfassenden Ortschaft zur Gemeinde Parchen.

Die häufigsten Familiennamen waren 1934 in der Gesamtgemeinde Parchen-Schelten Palme, Glößner, Kreibich, Lorenz, Scholze, May, Zincke, Günther, Heller, Kürschner, Pohl, Werner, Fiedler, Gottelt, Jarosch, Oppelt, Wenzel, Hille, Jockmann, Klominek, Petschenka, Pavlas, Seemann, Strobach, Austen, Häusler, Heinrich, Karban, Meltzer, Müller, Richter, Rößler, Uhle, Vater, Zahn und Zaruba. Wegen des häufig vorkommenden Namens Palme wurden die Namen vielfach durch Anhängen eines charakterisierenden Wortes unterschieden, bspw. Palme Ober, Palme Unter, Palme König, Palme Jons.

Die tschechische Gemeinde Prácheň (= Parchen) hatte den gleichen Gebietsumfang wie das frühere deutsche Parchen. 1961 lebten 595 Menschen in der Gemeinde, die heute als Teil der Stadt Kamenický  Šenov (= Steinschönau) zum okres Česka Lípa (= Kreis Böhmisch Leipa) gehört.

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Steinschönau

Steinschönau: Glasfabriken und Kamnitzer Schloss   Steinschönau: Kirchplatz   Steinschönau: Kirche   Steinschönau
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Die Stadt Steinschönau im Gerichtsbezirk Böhmisch Kamnitz bestand aus den Ortsteilen Obersteinschönau (mit den örtlichen Untergliederungen Marktgebiet, Kirchengebiet, Lerchendörfel, Teichstatt oder „Suse” und New York I, II und III) sowie Niedersteinschönau (mit den Untergliederungen Sandberg I und II und Neue Welt). Die Gesamtfläche der Gemeinde betrug 814 ha. Das Gemeindegebiet ist fast durchwegs gebirgig. Steinschönau ist durch die umgebenden Gipfel hufeisenförmig eingerahmt und nur nach Norden zu öffnet sich das Tal, wo sich das Böhmische Mittelgebirge und das Elbsandsteingebirge berühren. Der im Gemeindegebiet befindliche Herrnhausfelsen ist eine geologische Besonderheit und setzt sich aus unzähligen regelmäßig geformten vier- bis sechseckigen und 10 bis 15 m hohen Basaltsäulen zusammen. Dem Namen „Herrnhaus” liegt die in der Volkssprache entstandene Bezeichnung „Gehörn” zugrunde, die im Tetschner Gebiet für schroffe Felsbildungen steht. Der Felsen steht unter Naturschutz. Das gesamte Gebiet der Gemeinde wurde zu 75 % von landwirtschaftlichen Flächen eingenommen, etwa 17 % entfielen auf Wald, der Rest auf besiedeltes Gebiet. Obwohl Steinschönau ursprünglich ein reines Bauerndorf war, herrschten schon seit dem 19. Jahrhundert gewerbliche Tätigkeiten vor. 1939 lebten fast 65 % der Bevölkerung von industriellen und handwerklichen Berufen. Handel und Verkehr nahmen 11 % ein. Auf die Landwirtschaft entfielen nur 4 %. Besonders dominierend war die Glasindustrie mit knapp 3.000 Beschäftigten. Steinschönau beherbergte auch eine berühmte Glasfachschule, die 1882 staatlich wurde und die nicht nur den fachlichen Nachwuchs heran bildete, sondern auch richtungsweisend für die künstlerische Entwicklung vor allem in der Hohlglasveredelung war. Über Jahrzehnte hindurch beteiligte sich die Schule an den Weltausstellungen und errang zahlreiche Auszeichnungen.

Kirchliche Verhältnisse
Die Pfarrei Steinschönau mit der 1718 anstelle einer Holzkirche erbauten Pfarrkirche Hl. Johannes der Täufer ist allem Anschein nach gleichzeitig mit der Ortschaft im 13. Jahrhundert entstanden. Urkundlich erscheint die Pfarrei erstmals 1362 als „Schenow”. 1369 wurde in den Papstzehentregistern „Sonow Pauper” (= „armes Schönau”) geschrieben, weil es keinen Zehent zu leisten hatte. 1564 wurde die Ober-Preschkauer Pfarrei als Filiale unterstellt. Seit Ende des 16. Jahrhunderts war die Steinschönauer Pfarrei stärker an Böhmisch Kamnitz gebunden und wurde von 1630 an von der Stadtpfarrei St. Jakob in Böhmisch Kamnitz administriert. Erst 1723 erfolgte die erneute Selbständigkeit. Von da ab gehörten zum Kirchspiel die Orte Parchen und Schelten und (ab 1751) auch die neu gegründete Ortschaft Ullrichsthal. Parchen und Schelten wurden 1802 mit Einrichtung der selbständigen Pfarrei in Parchen abgetrennt. Sämtliche Kirchenbücher der Pfarrei Steinschönau beginnen mit dem Jahre 1715. Ältere Eintragungen dürften bis 1630 in den Matriken der Pfarrei Böhmisch Kamnitz zu finden sein.

Die evangelische Gemeinde Steinschönau besaß keine eigene Kirche, sondern eine Betstube im Haus des Glasgeschäftes Theodor Walter. Die altkatholische Gemeinde in Steinschönau war eine Filialgemeinde der altkatholischen Pfarrei in Arnsdorf bei Haida.

Stadtentwicklung
Steinschönau ist aus dem Bauerndorf Schönau hervorgegangen, das wahrscheinlich im 13. Jahrhundert im Zuge des deutschen Landesausbaues als zweireihiges Waldhufendorf gegründet wurde. Das Dorf Schönau besaß wahrscheinlich seit seiner Gründung ein Erbgericht, das später 12 Schöppen hatte. Die Namensform Steinschönau ist erst seit dem Ende des 16. Jahrhunderts nachweisbar (1592 „Steinicht Schöna”) und diente zur Unterscheidung des Ortes von anderen gleichnamigen Orten. Der Namensbestandteil „Stein” nimmt offenbar Bezug auf das steinige Gelände der Gegend. Das Gebiet von Steinschönau kam 1283 zur damals gebildeten Herrschaft Scharfenstein der Herren von Michelsberg, welche zwischen 1405 bis 1408 an die Familie von Berka, dann weiter an die Herren von Wartenberg, 1511 an Nikolaus Trcka von Lipa und 1515 an die Familie von Salhausen überging. Seit 1535 gehörte Steinschönau zu der in diesem Jahr selbständig gewordenen Herrschaft Böhmisch Kamnitz, die zunächst den Wartenbergern und ab 1614 der Familie von Kinsky gehörte, bis 1850 der größte Teil der Herrschaft Kamnitz durch die Einrichtung der modernen Gemeindeverwaltung dem Gerichtsbezirk Böhmisch Kamnitz zugeteilt wurde. 1849 wurde Steinschönau zur Marktgemeinde und ab dem 1. August 1900 zur Stadt erhoben.

Stadtwappen
Seit 1849 hatte Steinschönau das Recht, ein Wappen zu führen. Anfangs wurde dazu ein gekrönter, zweischwänziger Löwe auf den Gemeindestempeln verwendet. Ab 1900 wurde auf den Stempeln eine nach links gedrehte geflügelte Justizia mit Schwert und Waage in den Händen dargestellt. Um 1935 wurde ein neues Stadtwappen eingeführt, das auf grünem Feld einen über drei schwarze Berggipfel nach rechts schreitenden, doppelschwänzigen goldenen gekrönten Löwen beinhaltet, der in seinen Pranken einen silbernen Pokal hält.

Familiennamen im 16. und 17. Jahrhundert
1538 soll der Familienname Seiler (vielleicht auch Zöllner) vorgekommen sein. Im 1575 beginnenden Schöppenbuch sind die folgenden Familiennamen enthalten: 1575 Hauer (als Pastor), Kreibich (angeblich um 1500 zugewandert), Palme, Papert, Scheithauer (als Lehrer), Vetter, Weidlich und Wetzig; 1578 Helzel, Weigel und Zinke; 1580 Hickisch, Horn, Piller, Steiner und Zahn; 1594 Fritsche und Knechtel; 1612 Haintschel (als Pastor). In der Steuerrolle des Jahres 1654 trugen die 30 Bauern Steinschönaus die Namen Vetter, Helzel, Knechtel, Weidlich, Weigel, Wetzig, Fiedler, Horn, Kittel, Palme, Terme, Ullmann und Zöllner. Dazu kamen zwei Gärtner namens Kreibich. Außerdem gab es 64 Häusler und 54 Familien ohne Haus- und Grundbesitz mit den Namen (sofern noch nicht bei den vorherigen aufgelistet) Dörnich, Füller, Hainisch, Heinze, Heide, Heintschel, Jäckel, Jahnel, Lorenz, Pietsch, Pilz, Schmied, Schuster, Stelzig, Thomas, Ullrich, Wagner, Zahn und Zinke.

1713 standen 106 Häuser. Wegen des Aufschwungs durch die Entwicklung der Glasverarbeitung und des Glashandels waren gegen 1750 und 1770 bereits 120 bzw. 190 Häuser vorhanden. 1787 wurden 222 Nummern verzeichnet und 1833 hatte „Steinschönau am Schönauer Bache” 336 Häuser mit 2.228 Bewohnern. 1868 wurde der Ort von einem schweren Brandunglück heimgesucht, das 48 Gebäude in Asche legte und 84 Familien obdachlos machte. 1880 hatte die Gemeinde 4.410 Einwohner in 543 Häusern. Durch die Zuwanderung von tschechischen Glashüttenarbeitern lebten 1930 schon 5.340 Menschen in der Stadt.

Die häufigsten Familiennamen waren 1934 Palme (35 mal), Helzel (26 mal), Kreibich (24 mal), Richter, Walter, Knechtel, Pietsch, Eiselt, Zahn, Günther, Müller, Fiedler, Johne, Kraus(e), Vogel, Rößler, Rückel, Bretschneider, Neumann, Vetter, Heller, Kromer, Löhnert, Piesche, Wenzel, Heinrich, Hoffmann, Kaspar, Mieke, Schmidt, Ullmann, Jech, Indra (Jindra), Knöchel, Proft, Seidel, Sommer, Terme, Vater, Hackel, Handik, Horn, Jahnel, Kittel, Schäfer, Scholze, Weber, Zimmermann, Bräuer, Christof, Eschler, Kardaus, Klinger, Knappe, Nedwed, Pleschinger, Pohl, Schiller, Schimmel, Schön, Tscherpel, Wagner, Werner, Zinke, Ahne, Böhm, Dittrich, Frritsch(e), Görner, Kelbel, Klimt, Michel, Nittel, Pfützner, Reichelt, Ritschel, Schneider, Strohbach, Tischer, Weidlich, Wendler und Wolfig. Wegen des häufig vorkommenden Familiennamens Palme wurden in Steinschönau (und auch im benachbarten Parchen) die Namen durch Anhängen eines charakterisierenden Wortes unterschieden wie Palme Meisel, Palme Hütl, Palme Tausch, Palme Tausch Ober bzw. Nieder, Palme Häusl, Palme Tausch Häusl, Palme Simpl, Pallme König usw. Diese Kombinationen sind seit dem 16. Jahrhundert belegt und erhielten sich bis 1945.

Die Vertreibung der deutschen Bevölkerung durch die Tschechen ging in sechs Schüben vom Juni 1945 bis September 1946 vor sich. Viele deutsche Glasfachkräfte wurden jedoch als Arbeitskräfte zurückgehalten. In der Bundesrepublik erfolgte eine Konzentration der Steinschönauer vornehmlich im Raum Euskirchen-Rheinbach bei Bonn und in Groß-Umstadt (bei Frankfurt/Main) sowie in Hadamar/Hessen. In Rheinbach und Hadamar wurden später auch Glasfachschulen gegründet.

1961 hatte das tschechische Kamenický Šenov (= Steinschönau) 650 bewohnte Häuser mit 3.364 Einwohnern, 2007 sind es rund 4.050 Bewohner. Die Stadt gehört heute zum okres Česka Lípa (= Kreis Böhmisch Leipa). 

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Ullrichsthal

Die Gemeinde Ullrichsthal im Gerichtsbezirk Böhmisch Kamnitz bestand ausschließlich aus der Ortschaft Ullrichsthal. Die Gesamtfläche der Gemeinde betrug 212 ha. Das Hochtal des Absbaches, in dem Ullrichsthal und die Nachbargemeinde Meistersdorf liegen, wird im Westen von den Meistersdorfer Höhen, im Norden vom Forstberg (591 m), im Nordosten vom Sustrich (576 m), im Südosten vom Tschachenberg (603 m) und im Süden vom Kahle Berg (478 m) eingegrenzt. Die Gemeindefläche war zu 25 % bewaldet und wurde bis 1945 zu 70 % landwirtschaftlich genutzt. Seit seiner Gründung hatte Ullrichsthal einen gemischtwirtschaftlichen Charakter, denn neben den landwirtschaftlichen Ansiedlern auf den Feldern des ehemaligen Meierhofes von Meistersdorf ließen sich auch zahlreiche Häusler nieder, die Glasveredelung betrieben. 1939 gehörten nur mehr 17 % der Bevölkerung dem Bereich Land- und Forstwirtschaft an. Der Anteil von Industrie und Handwerk betrug dagegen 60 % und in Handel und Verkehr waren 11 % der Erwerbstätigen beschäftigt. Die Arbeitnehmer hatten ihre Arbeitsplätze zum Teil im Ort, zum Teil in Steinschönau und in Tetschen-Bodenbach, Böhmisch Leipa und Böhmisch Kamnitz. Die glasveredelnden Berufe (insbesondere Glaskugler und Glasmaler) überwogen.

Obwohl Ullrichsthal auf Flächen entstand, die bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts ein Teil von Meistersdorf waren, wurde der Ort nicht nach Wolfersdorf (wohin Meistersdorf kirchlich gehörte), sondern nach dem näher gelegenen Steinschönau eingepfarrt. Die dort geführten Matriken sind seit der Ortsgründung 1764 vollständig erhalten. Anzunehmen ist, dass Ullrichsthal ein eigenes Ortsgericht hatte, denn 1765 erhielt der Ort ein eigenes Grundbuch. 1849 wurde Ullrichsthal der politischen Gemeinde Meistersdorf zugeteilt, jedoch um 1878/1880 zur selbständigen politischen Gemeinde erhoben. Schon 1854 wurde die amtliche Schreibweise mit Doppel-„l” eingeführt.

Vom 14. bis ins 16. Jahrhundert gehörte das Gebiet des späteren Ortes Ullrichsthal als Bauernland zur Ortschaft Meistersdorf und wurde nach Aufkauf mehrerer Bauerngüter durch die Herrschaft ab 1586 vom Meierhof Meistersdorf bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts landwirtschaftlich genutzt. Die eigenständige Geschichte von Ullrichsthal beginnt 1751, als der Besitzer des Gutes Meistersdorf, Freiherr Peter Christoph von Wallbrunn, seinen Sohn auf den Namen Ullrich taufen ließ. Zu Ehren des als Taufpate fungierenden Fürsten Ullrich von Kinsky, der Herrschaftsbesitzer von Böhmisch Kamnitz, begründete Freiherr von Wallbrunn eine kleine Ortschaft, der er den Namen Ullrichsthal gab. Die Baustellen für die Ansiedler in dem neuen Ort wurden von dem zum Meierhof Meistersdorf gehörenden Feldern abgetrennt. Der weitere Ausbau setzte bald nach 1764 ein, als das Gut Meistersdorf von der Besitzerfamilie Wallbrunn an die Herrschaft Böhmisch Kamnitz (Fürsten Kinsky) verkauft wurde, welche die Felder allmählich an Neusiedler verteilte, zunächst in Pacht und dann in Eigentum. Ein beträchtlicher Teil der Felder muss lange Zeit brach gelegen haben, denn im örtlichen Sprachgebrauch wurde der neuen Ortschaft die bis 1945 erhaltene Bezeichnung „Brache” gegeben. 1787 hatte Ullrichsthal 75 Nummern und 1833 schon 89 Häuser mit 613 Einwohnern. Nach den Volkszählungen von 1869 und 1890 hatte Ullrichsthal 731 bzw. 825 deutsche Einwohner. Die häufigsten Familiennamen waren 1934 Oppitz, Arlt, Heller, Hoffmann, Marschner, Märtin, Wagner, Friedrich, Gürtler, Hegenbarth, Horn, Richter und Ritschel.

Die heutige tschechische Ortschaft Nový  Oldřichov (= Ullrichsthal) bildet zusammen mit der Ortschaft Mistrovice (= Meistersdorf) die politische Gemeinde Nový  Oldřichov. 1961 hatte das heute zum okres Česka Lipa (= Kreis Böhmisch Leipa) gehörende Nový Oldřichov 443 Bewohner, 2007 sind es 670 Einwohner.

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