Chronik des Heimatverbandes

Vertreibung und Ansiedlung der Landsleute im Ries

Ausgangspunkt für die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei war das von der tschechoslowakischen Exilregierung unter Edvard Beneš entwickelte Konzept des „Transfers” - also der Zwangsaussiedlung der deutschen Bevölkerung - als endgültiger Lösung des „sudetendeutschen Problems”. Da die ersten, schon kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs erfolgten Vertreibungen durch die tschechischen Machthaber willkürlich, brutal und ohne offizielle Zustimmung der alliierten Mächte erfolgten, spricht man von den sog. „wilden Vertreibungen”. Diese ersten Vertreibungen im Kreis Tetschen-Bodenbach begannen am 8. und 9. Juni 1945, als die in Tetschen untergebrachten bombengeschädigten Reichsdeutschen mit Eisenbahn-transporten abgeschoben wurden. Am 19. Juni mussten die ersten Familien ihre Wohnungen räumen und am 21. Juni 1945 wurden die Vertreibungen in Tetschen-Bodenbach auf die alteingesessenen deutschen Einwohner ausgedehnt, wo tschechische „Evakuierungskommandos” die ersten Straßenzüge räumten und die betroffenen Landsleute zum Verlassen ihrer Häuser und Wohnungen zwangen. In Bensen und Böhmisch Kamnitz begannen die „wilden Vertreibungen“ am 20. Juni 1945. In Böhmisch Kamnitz kam das Gerücht auf, dass eine Deportation nach Sibirien erfolgen würde. Insgesamt wurden im Zeitraum vom 20. Juni bis 5. Juli 1945 etwa 26.000 Personen aus dem Bezirk Tetschen-Bodenbach willkürlich ausgewiesen. „Aufnahmeland” war bis dahin das zur russischen Besatzungszone gehörende Land Sachsen.

Auf der Konferenz von Potsdam im August 1945 stimmten die Siegermächte dem Willen der tschechoslowakischen Führung zu einem „humanen Abschub“ der deutschen und ungarischen Bevölkerung aus Böhmen und Mähren zu. Diese planmäßige und mit „offizieller Genehmigung“ erfolgte Vertreibung geschah überwiegend mit Transportzügen ab dem Spätherbst 1945 bis zum Sommer 1946 in die russische und amerikanische Besatzungszone.

Im September 1945 gelangten über 400 Mitglieder der evangelischen Brüdergemeinde Bodenbach-Tetschen nach mehrwöchiger Wanderschaft auf gefahrvollen Wegen nach Nördlingen und ins Ries. Sie hatten, um durch die bevorstehenden Vertreibungen als Glaubensgemeinde nicht auseinander gerissen zu werden, durch die tschechischen Behörden eine gemeinsame Ausreise erwirkt. Durch die Vertreibung gelangten im Laufe der Jahre 1945/46 viele weitere Familien aus dem Raum Tetschen-Bodenbach nach Nördlingen und wurden dort und in den umliegenden Dörfern sesshaft. Da auch aus anderen Vertreibungsgebieten eine große Zahl von Menschen den Weg nach Schwaben fanden, stieg die Einwohnerzahl Nördlingens von rund 8.700 im Jahre 1939 auf etwa 14.000 nach Kriegsende an, damit waren 33 % der Nördlinger Einwohner Heimatvertriebene.

Erste Heimattreffen und Aufbau der „Heimatgliederung”

Schon früh begannen die Heimatvertriebenen, sich zu sammeln und in eigenen Organisationen zusammenzuschließen - obwohl dies aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Situation, der kaum vorhandenen Infrastruktur im zerstörten Nachkriegs-deutschland und der weiten regionalen Streuung der Landsleute ein nur schwer lösbares Vorhaben war. In Wien gründeten am 3. Februar 1947 eine Reihe von Idealisten den „Verein der Nordböhmen”, in dem u. a. auch Tetschen-Bodenbacher vertreten waren. Es dauerte jedoch bis Mai 1950, bis der dann als „Bund der Nordböhmen” bezeichnete Zusammenschluss die offizielle Genehmigung erhielt. Am 14. Mai 1947 versammelten sich 44 Heimatfreunde aus dem Kreis Tetschen in Ludwigsburg zu einem ersten Treffen. Die Bestimmungen der Besatzungsmächte verhinderten aber (wie in Wien) den Zusammenschluss der Landsleute zu einer eigenen Gruppe, da immer noch Versammlungsverbot bestand.

Am 6. und 7. August 1949 wurde das erste Treffen von ehemaligen Bewohnern des Kreises Tetschen-Bodenbach in Nördlingen abgehalten. Nördlingen war deshalb ausgewählt worden, weil 1949 etwa 800 Heimatvertriebene aus dem Kreise Tetschen-Bodenbach im Ries lebten. Rund 2.000 Teilnehmer hatten sich zum ersten Heimattreffen eingefunden. Zu Pfingsten 1950 fand der erste Sudetendeutsche Tag in Kempten/Allgäu statt, zu dem rund 50.000 Heimatvertriebene kamen. Am Pfingstsonntag trafen sich einige Hundert Tetschen-Bodenbacher in der Gaststätte „Zum Lamm” in Kempten. In Bad Cannstadt verkündeten am 5. August 1950 die beiden großen Vertriebenen-Organisationen (die Vereinigten ostdeutschen Landsmannschaften und der Zentralverband der vertriebenen Deutschen) feierlich die „Charta der Heimatvertriebenen” mit dem zentralen Bekenntnis: „Wir Vertriebene verzichten auf Rache und Vergeltung” - dies war nur fünf Jahre nach Krieg und Vertreibung ein bemerkenswerter Vorgang. Aber wohl genauso wichtig war der Hinweis auf das zukünftige Zusammenleben der Menschen - nämlich alles zu unterstützen, was auf die Schaffung eines geeinten Europas gerichtet ist, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können. In dieser „Charta der Heimatvertriebenen” war auch die Forderung nach dem Recht auf Heimat als universelles Lebensrecht enthalten. Auf dem Sudetendeutschen Tag vom 11. bis 15. Mai 1951 in Ansbach bildeten die versammelten Landsleute aus dem Kreise Tetschen-Bodenbach einen provisorischen Kreisrat, der die Aufgabe hatte, den ersten Heimatkreistag der Tetschen-Bodenbacher zu organisieren und den Aufbau einer „Heimatgliederung” zu ermöglichen - also Orts- und Gebietsbetreuer einzusetzen, die sich um die Erhaltung der Volksgruppe in der Vertreibung bemühten.

Am 23. Juli 1951 übernahm die Stadt Nördlingen nach einstimmigem Beschluss des Stadtrates die Patenschaft über die Heimatvertriebenen aus dem Kreise Tetschen-Bodenbach. Dies war erst die dritte Patenschaft in Deutschland überhaupt und die erste, die sich nicht nur auf einen einzelnen Ort, sondern auf einen ganzen Heimatkreis bezog. Die Stadt Nördlingen stiftete dazu eine Fahne mit einem Wappen von Tetschen-Bodenbach.

Der provisorische Kreisrat tagte erstmals am 31. Mai 1952 in Bad Cannstadt anlässlich des dritten Sudetendeutschen Tages in Stuttgart. Die offizielle Wahl des Heimatkreisrates wurde am 03.08.1952 auf dem vierten Heimatkreistreffen der Tetschen-Bodenbacher in Nördlingen durchgeführt; mit dieser Wahl wurde die provisorische Einsetzung des Heimatkreisrates und die vorangegangene vorläufige Berufung des Heimatkreisbetreuers durch die Sudetendeutsche Landsmannschaft von den Landsleuten aus dem Kreise Tetschen-Bodenbach legitimiert.

Gründung des Heimatverbandes

Am 28. März 1954 traf sich der Heimatkreisrat in Stuttgart zu einer Sitzung, bei der die Bildung eines gemeinnützigen Heimatverbandes erörtert wurde. Ein Heimatverband war in der Lage Mitgliedsbeiträge erheben, von denen die Auslagen der ehrenamtlichen Gemeinde-, Orts-, Kreis- und Landschaftsbetreuer finanziert werden konnten. Da die bestehende Kreishilfskasse nur für soziale Aufgaben vorgesehen war, musste für die weitere Heimatarbeit eine finanzielle Basis (durch die Mitgliedsbeiträge) geschaffen werden. Am 5. Juni 1954 traf sich auf dem Sudetendeutschen Tag in München der Heimatkreisrat der Tetschen-Bodenbacher zu einer Arbeitstagung im „Kreuzbräusaal”. Dort wurde beschlossen, den geplanten Hilfsverein mit dem Namen „Heimatverband Kreis Tetschen-Bodenbach” zu gründen. Die Gründung erfolgte am 27. März 1955 im „Evangelischen Hospiz” in Stuttgart. 1. Vorsitzender wurde Julius Stumpf, 2. Vorsitzender Dankwart Heisler, Schriftführer Franz Knothe und Zahlmeister August Fritsche. Die Satzung wurde am 26. April 1955 in das Vereinsregister beim Amtsgericht Nördlingen eingetragen wurde. Die konstituierende Hauptversammlung des Heimatverbandes fand am 30. Juli 1955 im Rahmen des 6. Heimatkreistreffens in Nördlingen statt. Gewählt wurden zum 1 Vorsitzenden Julius Stumpf, zum 2. Vorsitzenden Dankwart Heisler und dazu die weiteren acht Vorstandsmitglieder Gusti Dinnebier, Rudolf Dinnebier, Edwin Frießlich, Wilhelm Füger, Franz Knothe, Josef Schmidt, Max Stolz und Ferdinand Swatek. Franz Knothe wurde als erster Geschäftsführer eingestellt.

Damit standen zwei Institutionen - Heimatkreisrat und Heimatverband - zur Verfügung, die jedoch aufgrund ihrer gleichen Zielsetzung sowie der überwiegend gleichen Funktionsträger nahezu identisch waren. Im Grunde wurde zu dieser Zeit der Heimatkreisrat als die wichtigere Institution betrachtet und der Heimatverband mehr als „Hilfsverein” angesehen, der durch die Beiträge das erforderliche Geld für die Aufgabenerledigung beisteuerte. Dieses Miteinander löste sich nach und nach auf; der Heimatverband wurde die alleinige Institution der Landsleute aus dem Kreis Tetschen-Bodenbach. Der Heimatkreisrat bestand noch eine längere Zeit neben dem Heimatverband weiter, allerdings erfolgten keine eigenständigen Wahlen mehr, sondern nur noch Wahlen zu einem „erweiterten Vorstand” des Heimatverbandes. Aus den Kreisräten wurden nach und nach Beiräte des Heimatverbandes.

Aufbau und Entwicklung des Heimatverbandes

1957 wurde der ein Jahr vorher gefasste Beschluss des Nördlinger Stadtrats zur Straßenbenennung in Nördlingen umgesetzt. Seither gibt es im Stadtteil Talbreite eine Sudetenstraße und eine Tetschen-Bodenbacher Straße. Im Rahmen des achten Heimatkreistreffens in Nördlingen wurden am 1. August 1959 zwei Ausstellungs- und Museumsräume im Stadtmuseum von der Stadt Nördlingen an den Heimatverband offiziell übergeben. Am 2. August 1959 wurde das Mahnmal der Heimatvertriebenen am Emmeramsberg in Nördlingen feierlich eingeweiht, wozu die Stadt die benötigte Grundfläche dem Heimatverband kostenlos überlassen hatte.

Am 26.10.1963 erfolgte anlässlich einer Sitzung des Vorstandes und unter Beteiligung von 15 fachkundigen und interessierten Landsleuten die Gründung der Arbeitsgemeinschaft für Heimatforschung. Diese sollte als Nachfolgerin des „Nordböhmischen Exkursionsklubs” bzw. des „Nordböhmischen Vereins für Heimatforschung und Wanderpflege” die Tradition der Heimat-geschichtsforschung auch in der Vertreibung fortsetzen. 1. Vorsitzender wurde Kurt Rehnelt, 2. Vorsitzender Dr. Gerhard Hanke. Die Arbeitsgemeinschaft bestand bis 1976.

1976 wurden in die Fenster der Bundesstube im Nördlinger Rathaus die Stadtwappen von Tetschen und Bodenbach in Farbglas angebracht. Die Herstellung erfolgte in der Glasfachschule Hadamar in Hessen. Auf der Jahreshauptversammlung am 14.11.1981 wurde Alfred Herr für den aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kandidierenden Emil Schubert (er war 1969 gewählt worden) zum 1. Vorsitzenden bestimmt.

Am 10.09.1995 konnte nach dreijähriger Renovierung das Nördlinger Stadtmuseum wiedereröffnet werden, in dem auch der Heimatverband im ersten Stock einen neuen Ausstellungsraum erhielt, der allerdings deutlich kleiner war als die vorherige „Heimatstube” und in dem jetzt weniger Exponate ausgestellt werden. Dafür wurde die jetzt ständige Tetschen-Bodenbacher Ausstellung unmittelbar in den Museumsrundgang einbezogen.

Ab dem 01.01.2003 wurde Herwig Heisler zum neuen 1. Vorsitzenden des Heimatverbandes gewählt. In diesem Jahr wurden auch die Archivalien und Bibliotheksbestände des Heimatverbandes in die Bestände der Stadt Nördlingen überführt, um sie dort dauerhaft zu sichern. Im Dezember 2003 stellte der Heimatverband gemeinsam mit der tschechischen Inciativa pro děčínský zámek (= Schlossfreunde Tetschen) einen Antrag auf Zuschüsse aus dem deutsch-tschechischen Zukunftsfond, um  Brunnenstatuen des Prager Bildhauers Wenzel Prachner aus dem Tetschner Schlosshof zu renovieren. Die erfolgreiche Aktion eröffnete eine neue zukunftsweisende Beziehung zum heutigen Děčín, welche durch einen ersten Besuch der Schlossfreunde im April 2004 in Nördlingen und einem Gegenbesuch des Heimatverbandes im Oktober 2004 in Tetschen fortgesetzt wurden. Die freundschaftlichen Verbindungen und persönlichen Treffen konnten in der Folge intensiviert und neue gemeinsame Projekte auf den Weg gebracht werden. Seit Oktober 2006 ist der Heimatverband Kreis Tetschen-Bodenbach e.V. auch Mitglied in der Iniciativa pro děčínský zámek. Im September 2007 besuchte auf Initiative des Heimatverbandes Kreis Tetschen-Bodenbach e.V. mit Vize-Primator Miroslav Samler erstmals ein offizieller Vertreter der Stadt Děčín die Patenstadt Nördlingen. Im Zusammenhang mit dem Heimatkreistreffen 2009 wurde im Krankenhaus Nördlingen eine Ausstellung von behinderten tschechischen Künstlern aus Děčín gezeigt werden, die viel Anklang fand. Am Heimatkreistreffen selbst nahm mit Vize-Primator Ivan Vepřek erstmals ein offizieller Vertreter der Stadt Děčín teil. Das Heimatkreistreffen 2011 wurde im Ablauf gegenüber den bisherigen Zusammenkünften leicht verändert und hatte seinen Höhepunkt im Heimatabend mit dem Thema "Geschichten vom Adel". Die letzte Vorstandswahl fand am 22.10.2011 statt. Das Heimatkreistreffen 2013 wurde vom 20. bis 22.09.2013 in Nördlingen abgehalten und erstmals mit der Jahresmitgliederversammlung zusammengelegt. Im Anschluss bot der Heimatverband vom 23. bis 26.09.2013 eine Busreise "zu Freunden in die Heimat" an, bei der eine gemeinsame feierliche Einsegnung der im Juli 2013 wiederbestatteten mittelalterlichen Tetschner sowie der 1945 ums Leben gekommenen Menschen unterschiedlichster Nationalität auf dem Falkendorfer Friedhof in Tetschen/Děčín          erfolgte. Am 25.09.2013 konnte der Heimatverband im Rahmen einer festlichen Veranstaltung die zwei Jahre vorher von einem Wiener Antiquariat gekaufte originale Bodenbacher Stadterhebungsurkunde aus dem Jahre 1903 an das Kreisarchiv in Tetschen/Děčín  übergeben - als Zeichen der Freundschaft und Ausdruck der neuen Beziehungen zwischen den Heimatvertriebenen und heutigen Bewohnern in der böhmischen Heimat. Den Schlusspunkt der Heimatreise bildete ein festlicher Abend mit großem Buffet im Westflügel des Tetschner Schlosses anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Freundschaft zwischen dem Heimatverband Kreis Tetschen-Bodenbach e.V. mit den ehemaligen "Schlossfreunden" und der jetzigen Tetschen-Bodenbacher heimatkundlichen Gesellschaft bzw. der Děčínsko-podmokelská vlastivědná společnost.

 Auf Vorschlag des Vorstandes entschied die Mitgliederversammlung des Heimatverbandes im Jahr 2015, die archivalischen, musealen und bibliophilen Sammlungen in das Kreisarchiv nach Tetschen zu übertragen, dies ist ein bedeutendes Regionalmuseum, das nun auch die Geschichte der Vertreibung der Deutschen nach 1945.beinhaltet. Am 15.09.2016 wurden die Archivalien und Buchbestände nach Tetschen transportiert und die musealen Bestände folgten am 07.04.2017. Das nächste Heimatkreistreffen vom 06. - 08.10.2017 wird erstmals in Tetschen stattfinden.

 

 

Aktuelle Seite: Home Chronik